Besondere Zielgruppe mit besonderen Problemen

Im Rahmen des Familienforums am 03. Februar 2007 fand eine Podiumsdiskussion zum Thema "Migrantinnen und Gesundheit" statt. Unter der Moderation der Kölner Journalistin Angela Sinesi – diskutierten die Sozialwissenschaftlerin Frau Sevenc Brilling vom Allgemeinen Sozialden Dienst der Stadt Remscheid, Herr Ramazan Dalgali, türkischer Sozialberater vom Stadtteil e.V., der Remscheider Arzt Dr. med. Kazem Safarli und die Pädagogin Frau Barbara Zirbes über Unterschiede zwischen deutschen Patientinnen und ihren Geschlechtsgenossinnen mit Migrationshintergrund und welchen Bedarf diese Menschen an gesundheitlicher Betreuung haben. Das hier hauptsächlich über türkische Bevölkerung gesprochen wurde, liegt sicher u.a. an der Zusammensetzung des Podiums, ist aber auch mit der großen Anzahl der Migrantinnen aus diesem Land begründet.

Dr. Safarli, praktischer Arzt und stark frequentierter Hausarzt der türkisch sprechenden Bevölkerung, betonte, neben der Sprache die Wichtigkeit des kulturellen Verstehens. Eine rein türkisch geführte Einrichtung, sei es ein Altenheim oder Krankenhaus, lehnte er als langfristig wenig integrativ ab. Er hob die vertrauensvolle und sehr enge Beziehung der türkisch sprechenden Patienten zu ihrem Arzt hervor.

Ramazan Dalgali, türkischer Sozialberater und wie Dr. Safarli lange schon in Deutschland, vermisste schmerzlich genügend Fachärzte mit dem kulturellen und dem Sprachhintergrund der muslimischen Patienten. Auch Psychologen und Psychiater fehlten. Man habe jahrelang abgestritten, dass die psychischen Erkrankungen bei Migrantinnen anderer Therapien bedürfen oder andere Ursachen haben als bei Einheimischen. Nun wisse man dies durchaus – es gäbe aber keinen entsprechenden Arzt oder Therapeuten.

Frau Brilling, Diplomsozialwissenschaftlerin und Mitarbeiterin des Allgemeinen sozialen Dienstes der Stadt Remscheid, beschrieb die besondere psychische und physische Situation der türkischen jungen Importbräute. Sie leben isoliert, uninformiert, ohne geistige und körperliche Bewegungsmöglichkeiten und leiden häufig an Depressionen. Frauen litten besonders unter Schwierigkeiten in den Familien, Erziehungsschwierigkeiten mit den Kindern und den sich auflösenden, traditionellen Familienstrukturen. Auch sind geschiedene oder verwitwete Frauen wegen des restriktiven Ehrbegriffs starken Kontrollen und Einschränkungen ausgesetzt, was laut Herrn Dalgali zu Erkrankungen wie Wahnvorstellungen und Verfolgungswahn führen kann. Frau Brilling räumte eine große Bequemlichkeit bei den türkischen Frauen ein, die schwierig zu bewegen sein, Angebote, wie Sport-, Informations- und Deutschkurse zu nutzen.

Frau Zirbes, Grundschullehrerin und erfahren im Bereich Migration, mochte sich nicht auf Typisierungen festlegen lassen. Sie berichtete über die sogenannten Rucksack-Kurse im Elementarbereich, in denen Müttern mit Migrationshintergrund Kurse angeboten werden. Diese würden gut genutzt, auch wenn die Kontinuität nicht immer gewahrt wird. In diesen gemeinschaftlichen Kursen wie z.B. Kochen oder Handarbeiten werde Vertrauen gebildet, Kontakte und eine Beziehung zur Schule hergestellt und Sprachkompetenz erworben.

Allgemein bedauert wurde im Publikum, dass so wenige Migranten die Veranstaltung besuchten. Da alle Migranten-Vereine, die eine postalische Adresse haben, angeschrieben wurden und die Einladung auch in viele Sprachen übersetzt worden war, werden dort neue Wege der Kommunikation gesucht werden müssen.

Moderatorin Sinesi hatte sich als Italienerin bei den Krankenkassen kundig gemacht, ob es spezielle Angebote für Migrantinnen gäbe. Dieses wurde verneint. Es hieß, die Frauen sollen sich in bestehende Angebote einreihen. Sie sprach das Thema der überstiegenen Integrations-
Erwartungen der früheren Jahre an, als eifrige Pädagogen den Verzehr von Weißbrot bereits als Kindeswohl gefährdend ansahen. Hier hat sich in den letzten Jahren wohl ein lockererer Umgang breit gemacht – sicher auch wegen des siegreichen Einzuges der fremden Essgewohnheiten in unseren Speiseplan.