Willy Brandt – Ein politisches leben

Sehr geehrter Herr Ehrenbürger Lemmer,
sehr geehrter Frau Wilke, meine Damen und Herren,
liebe Remscheiderinnen und Remscheider!

Ich heiße Sie herzlich willkommen zur Eröffnung der Ausstellung „Willy Brandt. Ein politisches Leben.“

Die Stadt Remscheid und die Friedrich-Ebert-Stiftung würdigen damit in den kommenden vier Wochen das Leben und Wirken eines außergewöhnlichen Staatsmannes, der sich im In- und Ausland, über alle Parteigrenzen hinweg große Anerkennung erworben hat.

Wir feiern in diesem Jahr das 60jährige Bestehen der Bundesrepublik Deutschland feiern. 60 Jahre, die wesentlich von Willy Brandt geprägt wurden. Einblicke in das Leben und Wirken Willy Brandts bieten die 70 Schautafeln dieser Ausstellung. Sie sind Zeugnis eines bewegenden und bewegten Lebens.

Eines Lebens, das auch immer Spiegel der politischen Gegenwart und Zeitgeschichte war.

Meine Damen und Herren,

jungen Menschen, wennglich nicht nur jungen, dürfte es schwer fallen, sich die Welt vorzustellen, in die Willy Brandt hinein geboren wurde. 1913 war es eine Welt, die geprägt war nicht nur von Standes-, sondern auch von Klassenunterschieden.

Seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie hat seinen politischen Weg vorgezeichnet. Er war, so hat er es selber einmal gesagt, „sozusagen in den Sozialismus hineingeboren“.

Die damals dem Bürgertum vorbehaltene Welt erschließt er sich, als er – mit Hilfe eines Stipendiums – das Gymnasium besuchen kann. Ihm gelingt es, beides zusamemn zu bringen: proletarisch-sozialistische Gesinnung und bürgerliche Bildung.

Das war eine wichtige Voraussetzung dafür dass er später in politischer Verantwortung Anerkennung und Zustimmung und Unterstützung bei ganz unterschiedlichen Menschen gefunden hat.

Als in Deutschland die Demokratie zerschlagen wird, geht Willy Brandt ins Exil nach Norwegen. Aus dem Gelegenheitsautor wird ein professioneller Journalist und ein respektierter Schriftsteller, der klar anschaulich und überzeugend schreibt. Einer Gabe, von der auch die drei Bücherschränke mit Werken Willy Brandts zeugen, die Bestandteil dieser Ausstellung sind.

Meine Damen und Herren,

die Flucht aus der Heimat, die Erfahrungen und die menschlichen Begegnungen im Exil – all das beeinflusst Willy Brandts politisches Denken – wie wohl auch die Erfahrungen des spanischen Bürgerkriegs.

Als Willy Brandt im Oktober des Jahres 1945 nach Deutschland zurückkehrt, betritt er in Berlin, so sagt er, „ein Niemandsland am Rande der Welt“. Nicht allen ist er willkommen. Auch nicht in den Reihen der SPD, in die er zurückgekehrt ist. Auch dort gibt es Misstrauen und Widerstand gegen den Emigranten und Kosmopoliten.

Sein Aufstieg war nicht ohne Brüche, die Berliner können davon erzählen, er war hart erarbeitet und auch in der Partei mit manchen Niederlagen verbunden.
Willy Brandt findet in Ernst Reuter einen großen Sozialdemokraten, der ihn fördert und auch dem längst Erwachsenen wohl ein Stück weit zur Vaterfigur wird.

Liebe Remscheiderinnen und Remscheider,

zwei Ereignisse der Berliner Zeit zeigen Willy Brandts große Gabe, in dramatischen und schwierigen Situationen instinktiv das politisch Richtige zu tun.

Er ist es, der 1956 nach dem Ungarn-Aufstand auf einer spontanen Kundgebung die richtigen Worte findet, die die Herzen der empörten Berliner erreichen, und mit denen er verhindert, dass die Situation da eskaliert, wo die hochgerüsteten Blöcke sich unmittelbar gegenüber stehen.

1961 ist es Willy Brandt, zurückgekehrt aus dem Sonderzug des Kanzlerkandidaten Willy Brandt, der nach dem Bau der Mauer dem Zorn und der Ohnmacht der Berliner Stimme gibt und der zum Anwalt der Freiheit wird.
Es ist mir eine besondere Freude – heute – mit meinem Amtsvorgänger Gerd-Ludwig Lemmer einen Mitarbeiter Willy Brandts begrüßen zu dürfen, der uns aus der Berliner Zeit Brandts aus eigener Anschauung mit lebendigen Worten berichten kann.

Meine Damen und Herren,

1966 wird Willy Brandt Außenminister.
Und 1969 Bundeskanzler.
Konsequent und zielstrebig leitet er die Politik ein, die er später als Bundeskanzler zum historischen Erfolg führt – die Friedens- und Entspannungspolitik, die bis heute, selbst in anderen Sprachen, Ostpolitik genannt wird.

Dabei richtet sich sein Blick, gerade in seiner Zeit als Außenminister, auch nach Süden. Früher als viele andere erkennt er die großen Herausforderungen, die das Ende des kolonialen Zeitalters mit sich bringt.

Wegen seiner überragenden Verdienste in der Ostpolitik und im Verhältnis zwischen Nord und Süd übersehen wir heute gelegentlich Willy Brandts Engagement für die europäische Einigung.

Der deutsche Patriot Willy Brandt war ein leidenschaftlicher Europäer.

Verehrte Gäste,

vor alle Ereignisse und Verträge, vor alle Spannungen und Kontroversen jener Zeit hat sich ein Bild geschoben, das zum Symbol geworden ist: Der Kniefall von Warschau.

Selten hat ein Bild so bewegt: Die Herzen von Millionen Menschen in Deutschland, in Polen und in vielen anderen Ländern, die Gemüter seiner politischen Gegner, die internationale Politik.
Meine Damen und Herren,

die Köpfe und die Herzen zu erreichen, das war für Willy Brandt kein Marketingkonzept.

Der Menschlichkeit Willy Brandts vertrauten sehr viele – und daraus bezog er auch eine ganz besondere Vollmacht: aus dem Vertrauen von Millionen im eigenen Land und weit darüber hinaus.

Dies Vertrauen kam nicht daher, dass er auf alles die richtigen Antworten gehabt hätte, sondern daraus, dass er glaubwürdig war. Glaubwürdigkeit entsteht, wenn man tut, was man sagt und sagt, was man tut. Er tat, was er sagte und er sagte, was er tat.

Als Willy Brandt 1974 zurücktrat, haben manche in Deutschland geweint.

Liebe Remscheiderinnen und Remscheider,

unsere Gesellschaft freier, gerechter, solidarischer – also menschlicher zu machen, darum ging es Willy Brandt. Er hatte Geschichtsbewusststein und Weitblick, seine große Gabe war es, Menschen zu faszinieren und für seine Vorstellungen zu gewinnen. Politische Phantasie zu politischem Handeln zu machen, aus Minderheiten wurden Mehrheiten – das ist seine große Leistung gewesen.

In einer Welt der Beschleunigung, der Entgrenzung und der Umbrüche konnte er bestehen und die Zukunft gestalten, weil er tiefe und feste Wurzeln hatte: In seiner Herkunft, in seinen Überzeugungen und in seiner Heimat.

Deshalb ist für die Stadt Remscheid eine Ehre, an Willy Brandt mit dieser Ausstellung erinnern zu dürfen.

Herzlichen Dank.

— Es gilt das gesprochene Wort —